Montag, 31. Januar 2011

Politisches Gemeindegut kostet heute mehr

Auch vor 50 Jahren war man an der Höhe des Steuerfusses interessiert. Im Gegensatz zu heute blieb der Steuerfuss konstant.

Und noch etwas ist anders: am Jahresende konnte die politische Gemeinde dank hohen ausserordentlichen Einnahmen ihre Schulden auf einen Schlag abbauen. Möglich wurde das nur durch die Handänderungs- und Grundstückgewinnsteuern der Firma Franz Haniel, welche 1961 mit dem Aufbau ihres Kieswerks begonnen hatte.

Vor 50 Jahren: weder Senkung noch Erhöhung

Trotz dem schon Anfang Jahr in Aussicht stehenden Geldsegen behielt man die Steuerfüsse auf dem bisherigen Niveau, wie Walter Zollinger unter der Rubrik «Aus dem Gemeindeleben» schreibt:

«Die Steuern wurden in der Budgetgemeinde vom 30. Januar 1961 festgesetzt und betragen:
  • Politisches Gemeindegut: 15%
  • Armengut: 10%
  • Kirchengut: 50%
  • Primarschulgut: 60%
Die Sekundarschu[l]gemeinde des Kreises Stadel erhebt pro 1961 eine Steuer von 45%; so ergibt sich ein Gesamtsteuerfuss von nochmals 180%, wie 1960. "Nochmals" sage ich, weil bestimmt damit gerechnet werden darf, dass der Steuerfuss in den nächsten Jahren sukzessive gesenkt werde. Schon sind wir pro 1961 wieder aus den Finanzausgleichgemeinden "ausgetreten", indem der bereits anfangs Jahr vereinnahmte Beitrag von Fr. 23'217.- am Ende des Rechnungsjahres dem Staat zurückbezahlt werden konnte. Ebenso war es dem polit. Gut möglich, eine zusätzliche und damit gesamte Schuldentilgung von Fr. 116'510.- vorzunehmen. Möglich wurde dieses erfreuliche "Ereignis" hauptsächlich durch den Eingang der sehr hohen Handänderungs- und Grundstückgewinnsteuern (Fr. 267'000.-).
»

Ein Vergleich von 1961 mit 2011

Wenn man die oben von Zollinger angegebenen mit den heutigen Steuerfüssen vergleicht (siehe die Steuerfuss-Seite der Gemeinde Weiach für die Zahlen der letzten Jahre) und von der aktuell zu erwartenden Erhöhung von 6% bei der Politischen Gemeinde ausgeht (von 24 auf 30%), dann zeigt sich klar und deutlich, dass die politische Gemeinde heute ein grösseres Stück des Kuchens beansprucht als vor einem halben Jahrhundert:

Prozentanteile mit reformierter Kirchensteuer

Prozentanteile ohne Kirchensteuern
Worauf diese Entwicklung zurückzuführen ist? Die Antwort ist einfach: auf die immer umfangreicheren Aufgaben, welche die Gemeinde zu bewältigen hat. Man muss also schon sehr genau hinschauen, ob die Ausgaben gerechtfertigt sind - auch bei den Schulgemeinden.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 9. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].
[Veröffentlicht am 1. Februar 2011]

Sonntag, 30. Januar 2011

Vierzig Prozent an die Zahnbehandlungskosten

Am Mittwoch, 30. Juni 2010 titelte WeiachBlog Nr. 870 mit der Headline «Kein Schulzahnarzt aufzutreiben».

Vor 5o Jahren war deshalb Privatinitiative gefragt. Diese soll unterstützt werden, fand die Primarschulpflege Weiach und liess Taten folgen:

«In der Schulgemeindeversammlung vom 30. Januar 61 wurde gem. Antrag der Schulpflege beschlossen, in Zukunft an die Zahnbehandlungskosten der Schüler einen Beitrag von 40% zu leisten. Es sollen damit die Eltern zu vermehrter Pflege der Zähne ihrer Kinder ermuntert werden.» (G-Ch 1961, S. 12)

Ein grosszügige Geste der Schulgemeinde, die wohl auch mit dem zu erwartenden Geldsegen aus dem Kieswerk-Betrieb zusammenhängt.

Wenige Jahre später wurde (gemäss der Verordnung über die Schul- und Volkszahnpflege des Kantons Zürich aus dem Jahre 1965) zumindest die Untersuchung obligatorisch: «Die Zähne der Schüler sind mindestens einmal im Jahr durch einen Zahnarzt zu untersuchen. Die Untersuchung ist obligatorisch. Die Gemeinden tragen die Kosten.» (§ 7 der Verordnung)

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 12. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].

[Veröffentlicht am 1. Februar 2011]

Samstag, 29. Januar 2011

Die Hausangestellte des Pfarrers schreibt nach Hause

Postkarten aus früheren Jahrzehnten geben nicht nur ein Bild davon ab, wie Weiach damals landschaftlich aussah - wie auf dieser Bildseite:

Sie sind manchmal auch sozialgeschichtliche Trouvaillen, wenn man die Rückseite liest und damit einen kleinen Ausschnitt des Lebens im Dorf mitbekommt. So wie bei dieser auf Ricardo angebotenen Karte:

Adressiert ist sie an die «Familie Wickle, Windegg, Neu St. Johann, Obertoggenburg». Sie trägt die Ortsangabe «Pfarrhaus Weiach, den 25. April». Und der Text lautet wie folgt:

«Meine Lieben!
Endlich, endlich bekommt man ein Lebenszeichen von Frieda werdet Ihr sagen. Mir geht es wirklich gut hier. Es ist eine fromme, liebe Familie. Sie sind recht gut mit mir. Arbeiten muss ich viel von morgens 6 bis Abends 9 Uhr. Ich habe zwar auch Heimweh gehabt aber jetzt bin ich gut eingelebt und fühle mich glücklich.
Viele Grüsse sendet Frieda
Pfarrhaus Weiach, Kt. Zürich
»

Mehr wissen wir von dieser Frieda nicht. Nicht einmal ihren Nachnamen.

19X5. Um welches Jahr handelt es sich?

Dafür stellt sich noch die Frage nach dem Jahr, in dem die Karte geschrieben wurde. Der Poststempel kann sowohl als «1905» wie auch «1915» gelesen werden. Warum ich eher das Jahr 1915 tippe? Antwort: wegen der Briefmarke. Vergleiche den folgenden Ausschnitt aus einem Swissinfo-Artikel:

«...konnte Wilhelm Tell im Juli 1914 endlich das Brustporträt der Helvetia ablösen. Diesmal setzte man beim Bild auf Bewährtes, das allerdings graphisch sehr geglückt. Der abgebildete Tell ist ein Ausschnitt des 1895 entstandenen Altdorfer Tellendenkmals von Richard Kissling und erschien zunächst auf den Wertstufen 10, 12 und 15 Rappen.»

Der Jahrgang 1915 passt auch eher zur erwähnten Pfarrfamilie. Es kann sich eigentlich nur um Albert und Elisa Kilchsperger-Meierhofer handeln. Albert Kilchsperger (1883-1947) war zwischen 1908 und 1940 Pfarrer von Weiach. Seine Frau Elisa (1889-1958) war eine gebürtige Weiacherin. 1915 waren ihre Kinder klein, die Pfarrfrau konnte also eine Haushalthilfe brauchen.

Für beide, Albert und Elisa ist eine Gedenkplatte gemeisselt worden, die heute noch in der östlichen Friedhofmauer eingelassen sind.

Quelle

Freitag, 28. Januar 2011

Pausenplatzbau wegen schlechtem Wetter verzögert

Die jüngste spielplatztechnische Errungenschaft steht in Weiach bekanntlich zwischen Baumgartner-Jucker-Haus, Café Chamäleon, Pfarrhaus, Kirche, Altem und neuem Gemeindehaus sowie der Stadlerstrasse (vgl. die Ansprache des Gemeindepräsidenten zum 1. August 2010: Der neue Spielplatz – Zeichen unseres Gemeinschaftssinns. WeiachBlog Nr. 898 vom 2. August 2010).

Vor 50 Jahren baute man einen solchen noch auf der Hofwiese, also dem Schulareal. Und hatte damit etwelche Probleme, wie Zollinger berichtet:

«Der letztes Jahr [am 27.2.1960, vgl. unten] beschlossene Ausbau der Spielwiese und des Pausenplatzes kam endlich mit Januar 61 in Gang. Zwei verschiedene Trax's bemühten sich um die Planiearbeiten; diese schritten aber sehr langsam voran; sie mussten sogar, des ungünstigen Wetters und des nassen Geländes wegen, oftmals für längere Zeit unterbrochen werden. So wird's Ende Juli, bis endlich die Anlage fertig ist. Am 4. Oktober kann der neue Rasen zum erstenmal geschnitten werden, zugleich findet an diesem Tage die Vorführung verschiedener Typen von Rasenmähern statt. Das Benützen der Spielwiese ist aber vor dem nächsten Sommer noch nicht möglich.» (G-Ch 1961, S. 12)

Lange Vorgeschichte

Die Weiacher mussten also lange auf die Fertigstellung dieses Bauwerk warten. Von der Planung bis zur Freigabe dauerte es über sechs Jahre.

Davon dass die «Spielwiese ausgebaut werden» solle, konnte man 1960 in einem Gemeindeportrait der «Zürcher Woche» lesen. (vgl. Ein Gemeindeporträt aus dem Blickwinkel der Hauptstadt. WeiachBlog Nr. 180 vom 3. Mai 2006; sowie: Weiacher Geschichte(n) Nr. 78).

Mitte 1956 gekauft...

Den Platz dafür hatte die Schulgemeinde bereits im Juni 1956 gekauft und ihn «für den spätern Bau einer Turnhalle, sowie für die Errichtung und Anlage einer Spielwiese reserviert» (vgl. Turnhallenpläne schon in den 50er-Jahren. WeiachBlog Nr. 217 vom 9. Juni 2006).

Im Jahr darauf konnte man den Platz noch arrondieren, nachdem die Gemeindeversammlung einen «Landabtausch und Mehrerwerb von 157 m2 für Fr. 1884.- mit Frau Klara Keller-Meierhofer b. Schulhaus zur Arrondierung des Platzes für die geplante Turn- und Spielwiese» bewilligt hatte.

Konkrete Pläne gab es auch schon: «Mit Hr. Archit. Arn. Oberli Bülach, Hr. Turninspektor Schalch Küsnacht und der Erziehungsdirektion werden auch bereits die Pläne & Kostenberechnungen für die zu schaffende Anlage besprochen.» (vgl. Die Gemeindeversammlungen vom 10. Mai 1957. WeiachBlog Nr. 452 vom 10. Mai 2007).

... Kredit 1960 gesprochen

Bis zur Krediterteilung dauerte es dann allerdings noch ein Weilchen:
«Anlässlich der Budgetversammlung vom 27.2.[1960] wurde von den Schulgenossen folgender Antrag der Schulpflege genehmigt: "Antrag der Primarschulpflege betr. Genehmigung des Bauprogramms für Turnhalle, Pausenplatz und Spielwiese, sowie Kreditgewährung für eine erste Bauetappe (Verbreiterung des Pausenplatzes und Ausbau der Spielwiese) im Bruttokostenbetrage von Fr. 60'500.- (...)."» (vgl. Kredit für die Verbreiterung des Pausenplatzes. WeiachBlog Nr. 779 vom 28. Februar 2010).

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 12. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].

Donnerstag, 27. Januar 2011

Überdachung der Kranenbahn bei Holz Benz

In der als Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentrabibliothek Zürich aufbewahrten Jahreschronik 1961 von Walter Zollinger findet man auf Blatt 16 hinten u.a. folgendes Inserat aufgeklebt (wie üblich fehlt die Angabe aus welcher Publikation es stammt):

«Weiach. Abgeändertes Bauprojekt. Benz Heinrich, Holzhandel, Kloten, Lager, Säge- und Spaltenwerk in Weiach: Dachverlängerung der neuen Lagerhalle (Ueberdachung der Kranenbahn) auf dem Grundstück im See, Weiach. 27. Januar 1961 - Die Gemeinderäte»

Das «im See» genannte Gebiet liegt östlich der Kantonsgrenze Zürich-Aargau, wenige Meter vor den Stadtmauern von Kaiserstuhl. Gemeint ist die zwischen Bahnlinie und Hauptstrasse gelegene Parzelle. Da gibt es bis heute solche Krankonstruktionen.

Nach Übernahme sukzessive ausgebaut

Der 1962 publizierten Bezirkschronik von Nussberger/Schneiter kann man entnehmen, dass die Firma Benz den Betrieb in Weiach gezielt ausbaute:

«1954 wurde der Lagerplatz mit Säge- und Spaltwerk in Weiach-Kaiserstuhl übernommen und in den folgenden Jahren durch Erstellen neuer Lagerhallen sowie eines zweiten Laufkranes zur heutigen Grösse ausgebaut.»

Die Anlage steht bis heute im Besitz der Firma Benz aus Kloten. Es wird allerdings längst nicht mehr so viel Holz dort gelagert wie noch Ende der 80er-Jahre. Damals erstreckten sich die Stapel bis auf die Höhe des Betriebsgebäudes der Sattlerei Fruet und zum 1995 ausser Betrieb genommenen Stationsgebäude von Weiach-Kaiserstuhl.

Quellen
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 16 hinten. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].
  • Nussberger, P.; Schneiter, E.: Kanton Zürich. Heimatgeschichte und Wirtschaft. Reihe: Bezirkschroniken des Kantons Zürich, Band V: Pfäffikon Bülach Dielsdorf. Zürich 1962 - S. 218.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Bezirksrat empfiehlt Hilfe zur Selbsthilfe

Die Ausgaben für die Sozialhilfe, Krankenkassenzuschüsse und überbordende Ausgaben für Sonderschulung etc. belasten die Gemeindebudgets stark - und die Tendenz zeigt eher nach oben als nach unten. Über kurz oder lang muss also etwas getan werden.

Armensteuern waren nicht üblich

Was man vor rund 165 Jahren getan hat, darüber geben die Rechenschaftsberichte des Regierungsrates des Kantons Zürich an den Grossen Rat (heute: Kantonsrat) Auskunft. Unter dem Titel «Rath des Innern; Zustand und Verwaltung der Gemeindegüter» findet man im Jahresbericht 1845 folgende Passage:

«Im Bezirke Regensberg befanden sich die Gemeindegüter im Allgemeinen in einem befriedigenden Zustande. Bedenklicher sieht es dagegen, wie anderwärts in einzelnen Gemeinden, mit den Armengütern aus. Die vielen zum Theil bedeutenden Rückschläge [Mehrausgaben] entstanden durch Zunahme der Armenunterstützungen und bald werden auch in diesem Bezirke, was sonst hier zu den Seltenheiten gehörte, Armensteuern erhoben werden müssen. In dieser Voraussicht hat der Bezirksrath auf sehr lobenswerthe Weise schon gegen Ende des vorigen Jahres und auch dieses Frühjahr die Gemeindsbehörden angewiesen, dahin zu trachten und zu arbeiten, daß es der ärmern Klasse möglich gemacht werde, einen möglichst hinreichenden Vorrath an Lebensmitteln zu pflanzen und zu diesem Ende hin so viel möglich Grundeigenthum der Gemeinde anzuweisen, indem nach seiner Ansicht am nachdrücklichsten auf diese Weise allzu großen Ansprüchen an die Armengüter vorgebeugt werden könne.» (Rechenschaftsbericht über das Jahr 1845 - S. 79)

«Pflanzland für die Armen»

Diesen Vorschlag nahmen die Weiacher im Massstab 1:1 auf, wie man der Monographie zur Geschichte der Gemeinde entnehmen kann:

«Anno 1847 wurden auf Antrag der Gemeinde durch Regierungsbeschluss «20 Jucharten Eichenwald im Hard zur Alimentation des Armengutes vom Forstetat abgelöst, die Fläche ausgerodet, in 80 Vierlingteile eingeteilt und zum erstenmal den Landbedürftigsten auf 6 Jahre um den Jahreszins von 2 alten, nachher 3 neuen Franken in Pacht gegeben.» Die erste Bepflanzung geschah grösstenteils mit Kartoffeln. Dadurch konnte der Notstand einer ganzen Anzahl von Familien stark gemildert werden.» (Brandenberger: Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 2003 - S. 43)

Sonntag, 23. Januar 2011

Gemeindepräsident vom Regierungsrat zurückgepfiffen

Das Staatsarchiv des Kantons Zürich hat den Auftrag, das schriftliche Erbgut des Kantons zu pflegen. Zu dieser geschichtlichen DNA gehören auch die Beschlüsse der Regierung. Sie werden nun - Kantonsratsbeschluss zur Genehmigung entsprechender Finanzmittel sei Dank - sukzessive transkribiert und systematisch online gestellt.

Und so findet man heraus, dass sich der Regierungsrat mit der neuen Verfassung von 1831 mehrmals pro Jahr auch mit der kleinen Gemeinde Weiach bzw. einigen seiner Bewohner befasst hat. Zum Beispiel wegen eines allzu eifrigen Gemeindepräsidenten:

«Auf den Antrag des Obergerichtes wird dem Gemeindrath Weyach angezeigt, daß er nicht befugt seye, Schuldenaufrüfe sub poena præclusi zu erlaßen.»

Bei dieser Weyach betreffenden Angelegenheit handelt es sich um das erste Geschäft des Tages, weshalb unmittelbar davor die folgende Formel steht: «Präsentibus Meine hochgeachteten Herren Bürgermeister Hirzel und übrigen Regierungsräthen», d.h. anwesend waren der Präsident Hirzel und seine Regierungsratskollegen.

Gemeinde darf keine abschliessende Schuldenaufrufe erlassen

Und so lautet der Beschluss:

«Mit Schreiben vom 21. d. M. macht das L. Obergericht dem Regierungsrathe die Anzeige, daß in No. 22 des Wochenblattes nachfolgende Bekanntmachung erschienen:

"Da Jacob Bersinger von Weyach all sein liegend und fahrend Eigenthum verkauft hat, um mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern, so wird deßnahen jedermann, der rechtmäßige Anforderung an Benannten Bersinger zu machen hat, aufgefordert, sich bey Verlust seiner Anforderung binnen 10. Tagen von heute an zu melden, an [unterzeichnet] Schenkel, Gemeindraths-Präsident. Weyach den 15. Merz 1833."

Wen[n], so bemerkt das Obergericht, zwar der Artikel 3 der Rathsverordnung vom 15. October 1812 betreffend die Auswanderung hiesiger Cantonsbürger in fremde Staaten, die Vorschrift enthalte, daß jeder Auswanderer den Gemeindsbehörden zeigen solle, daß er sich mit allfälligen Creditoren hinlänglich abgefunden habe, so seye hingegen dieselbe durchaus nicht dahin zu verstehen, als ob in einem solchen Falle von einer Gemeindsbehörde, oder gar von dem Präsidenten des betreffenden Gemeindrathes ein peremtorischer Schuldenaufruf erlaßen werden solle oder dürfe; vielmehr können der Natur der Sache nach, auch hier nur die Gerichte zu einem mit Androhung von Rechtsnachtheilen im Falle der unterlaßenen Anmeldung verbundenen Aufrufe befugt seyn.

Nach Anhörung dieser Mittheilung hat der Regierungsrath beschloßen, dem Statthalteramte Regensberg hievon Kenntniß zu geben, mit dem Auftrage, dem betreffenden Gemeindrathe die Weisung zu ertheilen, daß es ihm nicht zustehe, einen solchen Aufruf zu erlaßen, sondern er sich dießfalls an das Bezirksgericht zu wenden habe. Daß solches geschehen, wird dem Obergericht rückantwortlich angezeigt.
»

Peremtorisch ist ein Schuldenruf dann, wenn er «unverzüglich zum letzten mahl und ohne weitere Frist» erfolgt («Grosses Universal-Lexicon» von Johann Heinrich Zedler, vgl. WeiachBlog vom 28. Oktober 2010)

Dieser Beschluss vom 30. März 1833 sieht übrigens im Original - vom Ratsschreiber verfasst - so aus: RRB 1833/0540, was transkribiert den oben abgedruckten Text ergibt: RRB 1833/0540 in maschinenlesbarer Schrift.

Quelle
  • Eine Gemeinde darf keine Schuldenaufrufe mit abschliessender Wirkung erlassen. Regierungsratsbeschluss vom 30.3.1833. Signatur: StAZH MM 2.11 - S. 94-95 (RRB 1833/0540)

Donnerstag, 20. Januar 2011

Januarwetter 1961: ein Temperatur-Jojo

Manchmal unglaublich warm, dann wieder bitter kalt. So ist die Witterung im heurigen Januar. Und so ähnlich war das Wetter offenbar auch im Januar 1961. Dies kann man der Weiacher Jahreschronik 1961 des Primarschullehrers Walter Zollinger entnehmen:

«Januar. Nach dem unfreundlichen, nassnebligen Jahresabschluss 1960 hätte man ganz gern einen trockenkalten Januar 1961 hingenommen. Aber es sollte nicht sein; von Kälte kann man kaum reden, bewegte sich doch die jeweilige Morgentemperatur meist bloss um -2 bis +2° C herum. Einzig in den Tagen vom 15.1. bis 20.1. ging's hinunter zu -4 und -5°, einmal aber, am 3.1., war's +6° und am letzten Tag des Monats sogar +9° am Morgen schon. Die Mittags- und Nachmittagstemperaturen stiegen immer so um ca. +3° an und abends kehrte das Quecksilber dann wieder auf seinen morgendlichen Ausgangspunkt zurück, allerdings mit zwei Ausnahmen: am 8.1. war's am Morgen 0°, am Abend -[?]4°, am 30.1. am Morgen +3 1/2°, abends +8°. - Der Januarhimmel blieb sozusagen ständig bedeckt, meist durch Hochnebel. Nur fünfmal während des ganzen Monats zeigte sich die Sonne für kurze Zeit an den Nachmittagen. Sechsmal notierte ich leichten Schneefall, elfmal Regen, meist vormittags, zweimal stürmisches Wetter. Sehr viel zog der Wind; die letzten zwei Tage des Januar waren ausgesprochen föhnig (+9°, +11°).»

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 2. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].

Mittwoch, 19. Januar 2011

Unterschriften gegen das Frauenstimmrecht gesammelt

«Horrorvorstellung Frauenstimmrecht» lautete der Titel des WeiachBlog-Eintrags vom 1. Februar 2009. Die Skepsis vor den revolutionären Neuerungen in der Gesellschaft, welche sich auch in politischer Mitbestimmung der Frauen auswirken sollten, führte zu Gegenreaktionen, wie in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 113 (publiziert im April 2009) nachzulesen ist:

«Im Zürcher Unterland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg sogar eine Frauengruppe, die aktiv gegen die Einführung des Frauenstimmrechts kämpfte.»

Die Landfrauen sind dagegen

Wenn man die in der zweiten Jahreshälfte 2009 erschienene Bopplisser Zytig, Ausgabe 3/2009 auf Seite 29 aufschlägt, dann findet man auch den Namen dieser Gruppierung. Es handelt sich um die Landfrauenvereinigung Bezirk Dielsdorf:

«1960: Die Vertrauensfrauen (heute Ortsvertreterinnen) beschlossen beim Einziehen des Mitgliederbeitrags, zugleich Unterschriften zu sammeln. Man darf kaum erwähnen wofür, nämlich gegen das Frauenstimmrecht. Das war jedoch die Haltung anno dazumal! Wichtig war auch ihre Rolle als Anlaufstelle. In einer Zeit, wo praktisch alle öffentlichen Ämter mit Männern besetzt waren, war man froh, nicht mit jedem Problem zu einem Mann gehen zu müssen.»

Im Vorfeld der Abstimmung über das Frauenstimmrecht von 1959 war es so, dass die Schweizerische Landfrauenvereinigung (SLFV) die Nein-Parole ausgab. Erst zehn Jahre später, beim Marsch auf Bern und der Annahme des Manifests von Emilie Lieberherr war ihre Haltung dann pro Frauenstimmrecht.

Lokale Auswirkung einer nationalen Bewegung

Man darf also nicht davon ausgehen, dass sich die Gegnerschaft nur in Weiach formierte. Es dürfte sich eher um den lokalen Widerschein eines nationalen Phänomens gehandelt haben, das der damaligen Geisteshaltung vieler Weiacherinnen entsprach.

Der nach der Ablehnung 1959 gegründete «Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht» argumentierte bspw. in konservativer Manier damit, «dass die Frauen aufgrund ihrer biologischen Verschiedenheit durch ihre politische und rechtliche Gleichstellung benachteiligt würden» (vgl. Wikipedia-Artikel Frauenstimmrecht in der Schweiz).

Interessant sind in diesem Zusammenhang der Nachlass der Anti-Frauenstimmrechtsaktivistin Getrud Haldimann, der im Gosteli-Archiv liegt, sowie die u.a. darauf aufbauende Berner Lizentiats-Arbeit von Daniel Furter «Die umgekehrten Suffragetten». Die Gegnerinnen des Frauenstimmrechts in der Schweiz von 1958-1971 [Bern, 2003].

Frühere Artikel

Sonntag, 16. Januar 2011

Europa und seine Bewohner, 1837

Manchmal ist es schon erstaunlich, in welcher Art von Handbüchern unsere kleine Gemeinde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwähnt wurde.

So zum Beispiel in dem 1837 von Karl Friedrich Vollrath in Stuttgart publizierten 6. Band der Reihe «Europa und seine Bewohner. Ein Hand- und Lesebuch für alle Stände». Das Werk erschien «in acht Bänden, mit drei Karten und mehreren Abbildungen». Deutschland, die Schweiz, Dänemark, Niederlande und Belgien wurden im sechsten Band abgehandelt.

Viele Leute in einem Haus

Das kleine Bauerndorf Weiach hat auf Seite 334 im Rahmen der Schilderung des Bezirks Regensberg seinen Auftritt:

«Weyach, Pfarrdorf, westlich von Eglisau, unweit des Reins, mit 101 Häusern und 705 Einwohnern. Viehzucht, Wein- und Ackerbau.»

«Rein» steht da wirklich anstelle des uns heute vertrauteren «Rhein». Und wenn nun noch ein Vergleich mit anderen Gemeinden des Bezirks gefällig ist: In Dielsdorf (damals noch nicht Hauptort) zählte man in 57 Häusern total 746 Einwohner (rund 13 pro Haus), im Bezirkshauptort Regensberg gab es 38 Häuser mit ingesamt 303 Einwohnern (ca. 8 pro Haus).

In Weyach war die Dichte noch kleiner, knapp 7 Personen wohnten durchschnittlich in einem Haus. Immer noch wesentlich mehr als heute.

Freitag, 14. Januar 2011

«Verkaufssüchtige» Bauernsöhne

Heutzutage kann man die Milch produzierenden Betriebe in Weiach an einer Hand abzählen. Auch sonst gibt es kaum mehr Bauernfamilien, die von ihrem Gewerbe vollzeitlich leben.

Richtig begonnen hat der Krebsgang der Landwirtschaft rund um Zürich bis zur heutigen Randexistenz vor einem halben Jahrhundert, wie man in Walter Zollingers Jahreschronik 1961 (abgeschlossen 1963) nachlesen kann:

«Im diesjährigen, allerdings nur geringfügigen Rückgang der Milchablieferungen, nämlich 790'265 kg im Werte von Fr. 331'693,75 lässt sich bereits erkennen, dass ein paar Bauern ihren angestammten Beruf aufgegeben und sich der Industrie oder dem Baugewerbe zugewandt haben. Im nächstjährigen Bericht wird hierüber noch Genaueres zu sagen sein. Es zeichnet sich, wie andernorts übrigens auch, bei unsern jungen Landwirten oder bei den Bauernsöhnen eine mehr und mehr "verkaufssüchtige" Tendenz ab, für welche wohl, neben andern Gründen, auch die verlockend hoch gestiegenen Bodenpreise mitverantwortlich gemacht werden müssen.»

Diesen Kommentar machte der Chronist wohl auch unter dem Eindruck der Wirkungen des neuen Elefanten auf dem Weiacher Terrain, der 1961 gegründeten Weiacher Kies AG (vgl. den Beitrag von vorgestern Mittwoch).

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 8. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].

Donnerstag, 13. Januar 2011

Die ersten Veröffentlichungen zur «Weiacher Kies»

Der Gründung der Weiacher Kies AG gingen etliche heftige Diskussionen voraus. Sie fanden ihren Niederschlag auch in gedruckter Form, so dass wir heute, ein halbes Jahrhundert danach, miterleben können, weshalb diese Firma anfangs der 60er-Jahre für beträchtliche Aufregung bei Unternehmern und Politikern sorgte.

Nachstehend die vom Verfasser bislang gefundenen Publikationen der Jahre 1961-1964:

  • Beschluss des Kantonsrates über die Beteiligung des Kantons Zürich an einer Aktiengesellschaft zur Ausbeutung von Kies in Weiach. Antrag des Regierungsrates vom 25. Mai 1961. [Geschäftsnr. 946; Verhandlung des Kantonsrat im Herbst 1961].
  • Staatlich geförderte Ueberfremdung. [Kiesabbau-Bewilligung für Haniel]. In: Neue Zürcher Zeitung, 30. Juni 1961.
  • Meierhofer, A.: Erwiderung [auf den NZZ-Artikel vom 30.6.]. In: Zürichbieter, 13. Juli 1961.
  • Frey, Th.: Die Weiacher sind »steinreich«. In: Zeitbilder. Illustriertes Unterhaltungsblatt zum Tages-Anzeiger, Nr. 28, 15. Juli 1961.
  • Mühlheim, E. (red.): WEIACHER KIES. [Mit Beilage: Kieswerk Weiach. Baubeschrieb] Stäfa, 1963.
  • Besuch beim Kieswerk Weiach. In: Basler Volksblatt, Nr. 288 vom 11. Dezember 1963.
  • Mit dem Weiacher Kies gerollt. In: Volksrecht, Zürich, Nr. 292 vom 12. Dezember 1963.
  • Kies für unsere Nationalstrassen. Von unseren Zürcher Korrespondenten. In: Basler Nachrichten, Nr. 532 vom 16. Dezember 1963.
  • Die Weiacher Kies AG – einen Schritt voraus. Ein modernes Kieswerk dem Betrieb übergeben. In: Basellandschaftliche Zeitung, Liestal, Nr. 296 – Dienstag, 17. Dezember 1963 – S. 5.
  • Kies für den Nationalstraßenbau. Besichtigung des neuen Werkes Weiach. In: Vaterland, Luzern, Nr. 291, vom 17. Dezember 1963.
  • Mehr Kies! [Beilage: Bauen und Wohnen]. In: Der Bund, Nr. 543, Donnerstag, 19. Dezember 1963.
  • Rohstoff aus eigenem Boden. Kies für die linksufrige Höhenstraße. [Aus Zürichs Nachbarschaft]. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 5361, Montag, 23. Dezember 1963, Mittagausgabe, Blatt 3.
  • Rohmaterial für die Nationalstrassen. Kieswerk Weiach in Betrieb. In: Die Tat, Zürich, Nr. 354, vom 27. Dezember 1963.
  • Kieswerk Weiach. [Beilage Forschung und Technik]. In: National-Zeitung Basel, Nr. 48, 30. Januar 1964. [5 Seiten]
  • Das moderne Kieswerk der Weiacher-Kies AG Weiach ZH. Industrie-Beilage zur Schweizerischen Finanz-Zeitung Nr. 32 vom Donnerstag, den 6. August 1964. [20 Seiten]. Leitartikel von Ing. Rudolf Stünzi, c/o Franz Haniel AG, Basel: Modernes Kieswerk mit einer Tageskapazität von 10 000 To.
Falls Sie eine hier nicht aufgeführte Veröffentlichung zum Thema Weiacher Kies kennen, freut sich WeiachBlog über eine Mitteilung - per e-mail oder als Kommentar.

[Veröffentlicht am 26. Januar 2011]

Mittwoch, 12. Januar 2011

Jahreschronik 1961: Gelddenken und das neue Kieswerk

Dieses Jahr wird unser Kieswerk bekanntlich 50 Jahre alt. Am 15. April 1961 genehmigte die Gemeindeversammlung den Kiesabbau-Vertrag mit der Firma Franz Haniel, Basel. Die bereits 1957 den Gebrüdern Aymonod erteilte Abbaubewilligung wurde auf Haniel übertragen und das Areal auf rund 16 ha erweitert. Dann erfolgte die Gründung der Weiacher Kies AG (Eintrag im Handelsregister am 16. November 1961) und der eigentliche Baubeginn des Kieswerkes.

Walter Zollinger reflektiert über die damit angestossene Entwicklung der Innen- und der Aussenwelt der Weiacher in der Einleitung zu seiner Jahreschronik 1961. Den Text verfasste er spätestens im Mai 1963. WeiachBlog publiziert ihn hier ohne weiteren Kommentar. Er spricht nämlich für sich.

«Die zehnte Jahreschronik unserer Gemeinde liegt vor mir. Sie gibt Anlass zu einer kurzen Besinnung, wie wohl die im Verlaufe dieses eigentlich geringfügigen Zeitabschnittes von 10 Jahren sich doch abzeichnende äussere und innere Wandlung in unserm Dorfe zu werten sei. – Erfreulich oder unerfreulich?

Eigentlich heikel zu beurteilen, weil alles erst im Fluss steht. Ein paar ähnliche Gedanken sind schon im Vorwort zur 60er-Chronik, dort im Hinblick auf die Beeinflussung durch „Fremdlinge“ und „Motorisierung“ geäussert worden. Neue Einflüsse kommen heute hinzu, Einflüsse, die erst eigentlich jetzt näher zutage treten.

Die „äussere Wandlung“, d.h. das veränderte Aussehen im Dorfbild, darf gewiss als fortschrittlich gwertet werden (Ausbau der Bahnstation, Erstellung von Trottoirs, Verbesserung der Strassenbeleuchtung, Schaffung eines Parkplatzes im Dorfkern, Errichtung der neuen Spielwiese und des vergrösserten Pausenplatzes beim Schulhaus) und ist also ein erfreuliches Moment.

Die „innere Wandlung“ aber, die sich daneben bei einem grossen Teil der Dorfgenossen abzuzeichnen beginnt, scheint mir weniger erfreulich zu sein: ein verstärktes „Gelddenken“, oder wie man es nennen will, ist bei Alt und Jung leider allmählich mehr und mehr im Wachsen begriffen. Alles Tun richtet sich nur noch nach dem Masstab, ob etwas „rentiert“ oder nicht, ob’s etwas abträgt und wenn möglich recht viel.

Die Verhandlungen in den diesjährigen Gemeindeversammlungen (siehe „Aus dem Gemeindeleben“, Abschnitt a) liessen dies deutlich erkennen. Die Aussichten, durch das geplante Kieswerk im Hard grössere Verdienst- und Einnahmemöglichkeiten sowie ein Ansteigen der Landpreise zu erwirken, üben heute einen starken Einfluss auf die Entschliessungen aus. Die dadurch nicht zu umgehende Gefährdung des Landschaftsbildes, den unvermeidlichen Rückgang an bebaubarem Boden wollen dagegen kaum beachtet werden. Geäusserte Bedenken diesfalls werden belächelt oder gar entrüstet aufgenommen, vor allem von Landbesitzern in der Region des werdenden Kieswerkes.

Das ist’s, weshalb der Chronikschreiber (bei allem Verständnis dafür, dass unsere Gemeinde zur Erfüllung ihrer vielen kommunalen Aufgaben, wie Kanalisation, Wasserversorgung, Strassenbau, geplante Turnhalle und Kindergarten etc., neue erhöhte Einnahmequellen nötig hat) doch mehr dazu neigt, die sich anbahnende Wandlung im Denken sei recht skeptisch, ja wirklich als eher „unerfreulich“ zu betrachten. Die nächste Zukunft wird erweisen, ob zu Recht oder zu Unrecht!
»

Quelle

Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961. Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961. (Wichtig: Bestellung am Vortag nötig, sonst keine Einsicht möglich)

Dienstag, 11. Januar 2011

Vor 300, 250, 150 und 50 Jahren passiert

Nachstehend im Telegramm-Stil eine Sammlung von Ereignissen vergangener Tage, die dieses Jahr mit runden «Geburtstagen» aufwarten können. Gesammelt von WeiachBlog und Walter Zollinger - und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:
  • 1711: Namenslisten und Volkszählung durch Pfarrer [StAZH E II 700.119]
  • 1761, März 26: Wahl eines zürcherischen Untervogts [RQNA Nr. 197, vgl. Mitteilungen für die Gemeinde Weiach März 1998 - S. 16]
  • 1761: Weisung «betr. die Wahl-Ratifikation Untervogt Bersingers sel. Sohn zu Weyach». [Zoll72]
  • 1761: Weisung betr. die Wahl-Ratification Untervogt Bers. sel. Sohn zu Weiach zu einem Neu-Amts-Untervogt. [Zoll70: StAZH VII pag 119 N. 3 (veraltete Signatur); StAZH A 135.4 Neuamt]
  • 1761, 1. Februar: «Beschluss, der Lieferant solle die wieder unbrauchbare Feuerspritze durch eine bessere ersetzen.» [Zoll72]
  • 1861: Mühle Oberdorf. Bau des oberen Weihers und die Installation einer Peltonturbine [Kantonale Denkmalpflege, 9. Bericht 1977/78]. Die beiden offenen Wasserräder werden durch eine Turbine mit geschlossener Wasserzuführung ersetzt. (vgl. WeiachBlog Nr. 203, 26. Mai 2006: Die ehemalige Mühle im Oberdorf)
  • 1961: eines der ältesten Gebäude des Dorfes, das kleine Gütchen des erst im Mai vorher verstorbenen sogenannten Weberliheiri in der Chälen wurde das Opfer eines zäuselnden Knaben. [Zoll72]
  • 1961: Zession des Vertrages an die Firma Franz Haniel, Basel und Erweiterung auf rund 16 ha, Gründung der Weiacher Kies AG, Baubeginn des Kieswerkes [Baumg00; Meyerh63]
  • 1961, April 15: Gemeindeversammlung genehmigt Kiesabbau-Vertrag mit der Firma Franz Haniel, Basel, mit grossem Mehr. [G-Ch Weiach 1961]
  • 1961, November 16: Handelsregistereintragung Weiacher Kies AG
  • 1961: Westlich vom Alten Schulhaus entsteht ein Sport- und Spielplatz.
Dass dieses Jahr vor allem die Anfänge der Weiacher Kies AG von Interesse sind, das versteht sich beim starken Einfluss, den diese Firma im letzten halben Jahrhundert auf die Gemeinde ausgeübt hat, fast von selbst.

Quellen
  • Baumg00: Chronologie des 20. Jahrhunderts. Original mit Fotos publiziert in: Mitteilg. für die Gde. Weiach (MGW), Januar 2000 – S. 11-15.
  • Meyerh63: Historischer Beitrag von Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer in: Mühlheim, E. (red.): WEIACHER KIES. (Mit Beilage: Kieswerk Weiach. Baubeschrieb) Stäfa 1963.
  • G-Ch Weiach 1961: Jahreschronik 1961 von Walter Zollinger, Typoskript, Weiach 1963
  • RQNA Nr. 197: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. I. Abteilung. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil. Rechte der Landschaft; Erster Band. Das Neuamt - Aarau 1996.
  • StAZH E II 700.119: Staatsarchiv des Kantons Zürich. Kirchenarchiv. Antistitialarchiv. Bevölkerungsverzeichnis 17./18. Jh. Xeroxkopien (der Originale: E II 210-271) gemeindeweise geordnet: Weiach, 1634-1760 - 1) 1634; 2) 1637 Arme S. 464; 3) 1640; 4) 1643; 5) 1650; 6) 1670 Abwesende S. 854; 7) 1678; 8) 1683 inkl. Abwesende; 9) 1689 inkl. Abwesende u. S. 677; 10) 1695 inkl. Abwesende u. S. 607ff; 11) 1701 inkl. Abwesende u. S. 573ff; 12) 1711; 13) 1760.
  • Zoll70: Walter Zollinger: Handnotizen Heft VII (Wetterdaten 1966-1968 + StAZH-Notizen)
  • Zoll72: Chronik 1271-1971. Aus der Geschichte der Gemeinde Weiach. Autor: Walter Zollinger - erschienen 1972.

Montag, 10. Januar 2011

Ungenutztes Potential des Weiacher Waldes

«Wieviel Öl wächst im Gemeindewald pro Jahr?», fragte WeiachBlog am 4. März 2010 und kam zum Schluss, dass allein auf der Waldfläche die der Gemeinde gehört jährlich ein Äquivalent von 265'000 Liter Heizöl nachwächst.

Damit könnte man rund die Hälfte aller Weiacher mit nachhaltig erzeugter, kohlendioxid-neutraler Heizenergie versorgen. Ein Potential das durch die Holzschnitzel-Fernheizung im Mehrzweckgebäude Hofwies längst nicht ausgeschöpft wird.

Ausbau auf über das Doppelte möglich

Auch die Zürcher Regierung, oder genauer: das «Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft» (AWEL) macht sich darüber Gedanken.

Im Energieplanungsbericht 2010, dem Bericht des Regierungsrates über die Energieplanung des Kantons Zürich werden «Genutzte und ungenutzte Wärmepotenziale an Holzenergie (Waldholz) in MWh pro Jahr» aufgelistet, sofern das ungenutzte Angebot im Jahre 2009 mehr als 2000 MWh umfasste.

Kantonsweit sind schon 440'000 MWh genutzt. Über die Hälfte des verfügbaren Potentials. In Weiach dagegen könnte man nach Ansicht des AWEL locker das 2.5-fache der aktuellen Nutzung an Wärmeholz herausholen. Genutzt wurden 2009 Wärmepotenziale im Umfang von 2100 MWh. Noch ungenutzt blieben hingegen ganze 3800 MWh! (vgl. Tabelle 17 auf S. 37)

Verschlafen wir die Zukunft?

Da fragt man sich: Wo bleiben eigentlich die Anreize der Gemeinde, wenigstens die neu erstellten Bauten an den umweltfreundlichen kommunalen Fernwärmeverbund anzuschliessen?

Für solche Investitionen in die Zukunft würde sich das Steuernzahlen wenigstens lohnen, finden Sie nicht?

Sonntag, 9. Januar 2011

Eine Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Weyach?

Dank der Retrodigitalisierung von ganzen Zeitungsarchiven und deren Indexierung im Volltext stösst man ab und zu auf richtige Trouvaillen.

So zum Beispiel auf der Internet-Site http://www.letempsarchives.ch/, wo u.a. die «Gazette de Lausanne» bis in ihre Anfänge zurück abrufbar ist (Details vgl. Digicoord.ch).

Eine Umgehung wird angedroht

In der Ausgabe vom 24. November 1837 der Gazette de Lausanne ist auf Seite 2 folgende Notiz zu finden:

Es wird also kolportiert, dass, falls die Kantone Aargau und Basel-Landschaft Schwierigkeiten machen wollten, die geplante Eisenbahnlinie von Basel nach Zürich auch gut über das Grossherzogtum Baden verlaufen könne, um dann bei Weyach den Rhein zu überqueren. Auf diese Weise würde man kein aargauisches Territorium berühren. Man behaupte sogar, die badische Regierung habe dem provisorischen Komittee schon sehr günstige Offerten gemacht. Soweit der Inhalt dieser Kurznachricht.

Rivalitäten zwischen Kantonen

Dieses über die Gazetten verbreitete, wohl gezielt platzierte Gerücht steht im Zusammenhang mit der 1833 erfolgten Abspaltung der Basellandschäftler von der Stadt und dem - wenige Jahre später - natürlich immer noch virulenten gegenseitigen Misstrauen zwischen den beiden unabhängigen Staaten (mehr als eine Art Staatenbund à la EU war die Schweiz ja bis zur Gründung des Bundesstaats 1848 nicht).

Wirklich im Interesse der beiden Kantone Aargau und Baselland konnte eine Umgehung nicht liegen, denn Eisenbahnlinien durch ihr Gebiet strebten sie primär aus volkswirtschaftlichen Überlegungen an. Inwieweit die oben geäusserte Drohung ernst gemeint war, darüber lässt sich streiten. Aber sie wird schon ihren Zweck gehabt haben.

Hierzulande lässt man sich Zeit. Viel Zeit

Interessant ist die Jahrzahl 1837. Ist es nicht erstaunlich, wie früh in der Eidgenossenschaft bereits heftig über Eisenbahnprojekte diskutiert wurde? Und ist es nicht sehr schweizerisch, dass es danach noch Jahrzehnte dauerte, bis einige Vorhaben tatsächlich realisiert werden konnten?

Die Eröffnung der ersten Bahnstrecke (Basel-Strassburg), die das Gebiet des nachmaligen Bundesstaats berührte, liess bis im Dezember 1845 auf sich warten, die erste rein schweizerische Strecke, die Spanischbrötlibahn von Zürich nach Baden bis August 1847.

Die 1837 gerüchteweise angedeutete Hochrheinbahn zwischen Basel Badischer Bahnhof und Waldshut wurde sogar erst Ende Oktober 1856 fertiggestellt. Ab Mitte August 1859 gab es dann endlich eine Verbindung zum schweizerischen Eisenbahnnetz über den Rhein nach Koblenz im Kanton Aargau.

Anschluss fast 40 Jahre später

So früh diese badisch-zürcherische Variante hier aufscheint, so spät hat sich dann bei uns schienenmässig auch wirklich etwas getan.

Auf einen Anschluss ans Eisenbahnzeitalter musste Weyach nämlich bis im August 1876 warten (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 20: «Wann die Eröffnung indeß stattfindet, ist Gott bekannt». 125 Jahre Eisenbahnlinie Winterthur–Koblenz.; erstmals publiziert in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli 2001).

Auf der Linie S41 Koblenz-Winterthur fahren heute noch Züge. Von einer Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Weiach redet aber heutzutage längst niemand mehr.

Samstag, 8. Januar 2011

Niklaus Ländi, erster Weiacher Pfarrer

Im gestern publizierten Artikel wurde die Frage gestellt, ob Weiach schon ab 1520 oder doch erst ab 1542 einen eigenen Pfarrer gehabt habe.

Wenn man Walter Zollingers Aussage in der «Chronik 1971», Weiach habe «seine reformierten Prädikanten ab 1520 von Zürich aus zugeteilt» erhalten zum Nennwert nimmt, dann ist das ziemlich sicher eine Fehlinterpretation. Zumindest, was das Adjektiv «reformiert» anlangt.

Erst 1522 ging es richtig los!

Denn in diesen Jahren hatte die Reformation in der Stadt Zürich noch gar nicht richtig Fahrt aufgenommen. Zwingli war zwar seit 1518 Leutpriester am Zürcher Grossmünster. Auseinandersetzungen mit Öffentlichkeitswirkung über die Stadt hinaus haben aber erst 1522 mit dem berühmten Wurstessen zur Fastenzeit im Hause des Buchdruckers Froschauer begonnen (vgl. den Grundkurs auf Reformiert Online). Deshalb wäre es schon sehr ungewöhnlich, wenn dem kleinen Bauerndorf Weiach ausgerechnet in diesem Punkt eine Vorreiterrolle zugekommen wäre.

Spätestens 1524 dürfte sich dies allerdings rasch geändert haben, denn den Zürcher Unterländern kann die erste bewaffnete Bauernerhebung des Bauernkriegs 1524/25 kaum entgangen sein. Die fand nämlich am 23. Juni 1524 in unmittelbarer Nachbarschaft im Wutachtal statt und richtete sich gegen den Grafen von Lupfen.

Neugläubige Pfarrer aus wirtschaftlichen Gründen bevorzugt

Im Verlaufe der nächsten Monate kam es auch im Zürcher Gebiet zu Aufruhr, Drohungen gegen Amtsträger und lautstarken Forderungen nach Abschaffung von Abgaben und Verboten, welche nicht direkt aus der Bibel hervorgingen.

Die Forderung nach einem eigenen Pfarrer hatte daher durchaus handfeste wirtschaftliche Gründe, wie Heinrich Hedinger in einem Artikel im «Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1936» schreibt:

«Offenbar wünschten viele Gemeinden schon sehr bald neugläubige Pfarrer; denn es ging von etlichen solchen die Rede, sie würden u.a. gegen Zehnten und Leibeigenschaft predigen».

Diener zweier Herren - aber nacheinander

Welche Rolle spielte nun der erste Weiacher Pfarrer Niklaus Ländi? Und wann war er in Weiach tätig?

Im Wirz'schen «Etat des Zürcher Ministeriums» findet man den Eintrag «1520. Nicolaus Ländi, Kaplan am Großmünster, versah die Stelle bis 22 und übernahm dann Zollikon.» Mit der «Stelle» ist die Betreuung der Weiacher Gläubigen gemeint.

Das «Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952» von Dejung/Wuhrmann vermerkt: «Ländi (Lendin), Niklaus, von Lunkhofen, Aarg. (+1552). Schon vor der Reformation Kaplan der St. Mauritiusgruft am Grossmünster, 1520-1522 Pfr. in Weiach, 1523 in Zollikon, musste 1532 Regensdorf als Vikar übernehmen, 1536 Diakon am Grossmünster. Lit.: E. Egli, Aktensammlung, Nr. 1056, 1414, 1835, 1880.»

Nun kann man aus der Formulierung dieser Zeilen den Schluss ziehen, dass Ländi 1520/22 bereits als reformierter Pfarrer in Weiach tätig war. Ist dem so?

Wesentlich zur Klärung dieser Angelegenheit trägt Andreas Meyer mit seiner Monographie «Zürich und Rom. Ordentliche Kollatur und päpstliche Provisionen am Frau- und Grossmünster 1316-1523» bei. Er führt folgenden Eintrag zu Ländi:

«Nr. 820 Niklaus Lendi von Lunkhofen (1502)-1544
  • Er starb am 17. Aug. 1544 [Fn-1: STAZ: G I 1,10-12; Wirz, p. 74, und Dejung mit anderem Todesdatum]
  • Literatur: Dejung, p. 399, teilweise falsch.
  • Zürich: 1522 Kaplan in Zollikon (ZH) (Kollatur Grossmünster) [Fn-2: Wirz, p. 223]
  • Konstanz: 1502-04 Kaplan der Mittelmesspfründe in Mellingen (AG) [Fn-3: Stöckli, p. 310 nr. 19]
  • Konstanz: 1507 Leutpriester in Lunkhofen (AG) [Fn-4: UB AG 14,299]
  • Konstanz: 1520-22 Rektor in Weiach (ZH). [Fn-5: Dejung]
  • Nach der Reformation 1527-44 Kaplan der Mauritiuspfründe Gm in Zürich (=Diakonat zum Silberschild oder zum Häring) [Fn-6: STAZ: G II 18.6,16; G I 1,10-12; Wirz, p.74, und Dejung mit anderen Daten. Es gibt aber keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit am Grossmünster vor der Reformation.]»
(Die Fussnoten 1-6 zu den jeweiligen Punkten sind in eckigen Klammern angegeben. «Gm» steht für «Grossmünster». Die übrigen Abkürzungen unter STAZ sind Signaturen des Staatsarchivs des Kantons Zürich)

Bluntschli mit Hinweis auf das Jahr 1540

Ebenfalls eine abweichende Jahrzahl zum Wirken von Niklaus Ländi findet man in der «Memorabilia Tigurina» von Bluntschli aus dem Jahre 1742: «Erster Pfarrer daselbst ware, Nicolaus Ländern, An. 1540».

Auch das würde Sinn machen und ist durchaus nicht ausgeschlossen, denn mit der Zuteilung des mit den Weiachern schon vertrauten Ländi dürfte deren 1540 geäusserte trotzige Forderung nach einem eigenen Prädikanten sich fürs erste erledigt haben.

Mit der offiziellen Einrichtung einer Filiale (mit welcher die Liste der Weiacher Pfarrer beginnt) konnte man sich seitens der Kirchenleitung in Zürich dann durchaus bis 1542 Zeit lassen.

Fazit

Offenbar war Ländi mindestens zweimal für Weiach zuständig. Von 1520 bis 1522 im Auftrag der Diözese Konstanz als einem Priester (dem Pfarrer von Kaiserstuhl) unterstellter und damit noch katholischer Kaplan (bei Andreas Meyer als «Rektor» bezeichnet). Und im Jahre 1542 (nach Bluntschli: 1540), als erster namentlich genannter reformierter Prädikant der (nun neu von Zürich aus besetzten) Filiale Weiach. Mehr ist über diesen Kirchenmann bislang nicht bekannt.

Quellenangaben
  • Bluntschli, J.H.: Memorabilia Tigurina, oder Merckwürdigkeiten Der Stadt und Landschafft Zürich ... Samt einem Geschlechter-, Burgerlichen Dienst- und Aemter-Büchlein. Erstausgabe Zürich, 1704. Zweite Ausg.: Zürich, 1711. Dritte Ausgabe: Zürich, 1742. (Hier: 1742 - S. 533)
  • Wirz, Kaspar: Etat des Zürcher Ministeriums von der Reformation bis zur Gegenwart. Aus gedruckten und ungedruckten Quellen zusammengestellt und nach Kirchgemeinden geordnet, Zürich 1890
  • Hedinger, Heinrich: Die Reformation im Zürcher Unterland. In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1936. Zürich, 1935 - S. 41-72; sowie in: Viertes Wehntaler Jahrheft des Unterländer Museumsvereins 1939/1940. Bülach, 1940; S. 4-26
  • Dejung/Wuhrmann: Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952. Zürich, 1953.
  • Meyer, Andreas: Zürich und Rom. Ordentliche Kollatur und päpstliche Provisionen am Frau- und Grossmünster 1316-1523 - S. 448. [Signatur: ZBZ LS 94 FBT 401]

Freitag, 7. Januar 2011

Wann löste sich Wyach von der katholischen Kirche?

Der Kapuzinerpater Siegfried Wind veröffentlichte im Jahre 1940 einen Übersichtsartikel zur Geschichte der Pfarrei Kaiserstuhl, derjenigen kirchlichen Organisation, zu der Weiach seit alters her gehört hat.

Zur im Titel gestellten Frage würde er sagen: «1532 oder später». Ob das so stimmen kann, wird in diesem Artikel analysiert.

Pfarrer in Kaiserstuhl, Kirche in Hohentengen

Der für unser Dorf zuständige Pfarrer hatte seinen Sitz im Städtchen Kaiserstuhl. So war das bereits wenige Jahre nach der Stadtgründung (um 1254), wie man einem Abgabenverzeichnis der Diözese Konstanz zu Gunsten des Papstes (genannt «Liber decimationis cleri Constantiensis pro papa de anno 1275») entnehmen kann.

Die eigentliche Pfarrkirche, die lange vor dem Städtchen begründet wurde, stand aber in Hohentengen am Hochrhein. Der ursprünglich «Thengen bei der hohen Chilchen» genannte Ort war seit der Karolingerzeit Standort der Mutterkirche von über 14 Dörfern beidseits des Rheins. Die 1519 erbaute neue Kirche fasste 400 Personen, obwohl damals in Hohentengen selber gerade einmal 187 Menschen lebten.

Bekanntlich spaltete sich Wyach im Gefolge der von Zwingli ab 1519 in der Stadt Zürich angestossenen Reformationsbewegung von seiner Urpfarrei ab. Wann genau die Weyacher aber diesen Schritt weg vom katholischen Glaubensbekenntnis gemacht haben, ist bislang nicht bekannt.

Er ist sicher Jahrzehnte vor der Gründung der eigenen Pfarrei im Jahre 1591 erfolgt, denn die Regierenden der Stadt Zürich beanspruchten das Recht, die Art der Religionsausübung in ihrem Herrschaftsbereich bestimmen zu können - ganz nach dem Motto «Cuius regio, eius religio». Und Wyach stand bekanntlich seit 1424 unter der hohen Gerichtsbarkeit der Zürcher, die damit Landesherrn waren.

Für Weiach zuständige Pfarrer schon 1520 oder erst ab 1542?

Walter Zollinger gibt sich in der «Chronik 1971» überzeugt, dass die Abspaltung schon früh geschah und Weiach «seine reformierten Prädikanten ab 1520 von Zürich aus zugeteilt» erhalten habe. Erster Pfarrer war gemäss Zollinger Niklaus Ländi.

Dieser war zwar nach dem «Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952» von Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann erst ab 1542 in Weiach tätig. Seit diesem Jahr sei Weiach «als Filiale von Zürich aus versehen» worden. Dies passt zum Umstand, dass die Weyacher 1540 angekündigt hatten, eher wieder in die katholische Messe nach Kaiserstuhl oder Hohentengen zu gehen als über den Berg nach Stadel, wenn sie keinen eigenen Prädikanten erhielten, der ihnen im Dorf das Gotteswort predige.

Interessanterweise wird im selben Zürcher Pfarrerbuch und auch im «Etat des Zürcher Ministeriums» Niklaus Ländi von 1520 bis 1522 als für Weiach zuständiger Pfarrer geführt: «1520-1522 Pfr. in Weiach», daher hat die Zollinger'sche Vermutung durchaus ihre Berechtigung.

1522 übernahm gemäss dem «Etat» ein Hans Schmid aus dem elässischen Ruffach den Posten des Weiacher Pfarrers.

Und irgendwann im Zeitraum zwischen 1529 und dem Tod Zwinglis im Oktober 1531 soll sogar einer von dessen Freunden, der berühmte reformierte Theologieprofessor Theodor Bibliander auch als Vikar in Weiach tätig gewesen sein (Quelle: Allgemeine Deutsche Biographie Band 2, S. 691).

Nach der Niederlage im Kappeler-Krieg 1531?

Damit wären die Eckdaten abgesteckt. Die Loslösung könnte bereits 1520 erfolgt sein - aus herrschaftspolitischen Gründen. Sie ging aber sicher nicht auf einen Schlag vor sich, weil die Verflechtungen jahrhundertealt und daher nicht so einfach zu lösen waren und die reformatorischen Diskussionen auch in der Stadt Kaiserstuhl und der ganzen dazu gehörigen Pfarrei geführt wurden.

Pater Wind nimmt in seinem Artikel an, dass die Abspaltung nicht vor Ende 1532 stattfand: «Noch größer war, wie schon angedeutet, der Umfang der Pfarrei vor der Reformation. Damals umfaßte sie auch die jetzt auf Zürcher Gebiet gelegenen Ortschaften Weiach, Wasterkingen und Hüntwangen. Im November 1532 gehörten sie noch sicher zur Pfarrei [Fn-18_2]. Ihr Ausscheiden aus dem Pfarrverbande durch Annahme der Reformation wird erst nach diesem Datum stattgefunden haben.» (Z Schweiz. Kirchengesch. 32 (1940) S.18)

Als Beleg führt Wind in Fussnote 2 die von Strickler herausgegebene «Aktensammlung zur Reformationsgeschichte, IV. Bd., Nr. 1955; ferner III. Bd., Nr. 214 ; 266, 6 und 1138.» an.

Wyach im Beleg nicht erwähnt

In diesen von Strickler erstellten Regesten (Zusammenfassung des Inhalts von Urkunden) wird nun allerdings Wyach überhaupt nicht erwähnt. Die Fundstelle IV, 1955 enthält einen auf den 4. November 1532 datierten, unter den Landfriedensakten abgelegten Brief der Zürcher an die Stadt Kaiserstuhl.

Darin bittet die Stadt Zürich darum, zwei namentlich genannte Kirchenpfleger der damals erst unter der niederen Gerichtsbarkeit der Zürcher stehenden Dörfer Hüntwangen und Wasterkingen nicht weiter persönlich auf die Zahlung der gesamten Kirchensteuer für ihr Dorf zu verklagen.

Das sei nicht gerecht, denn die Hüntwanger und Wasterkinger könnten die Kirche ja nicht benützen (um dort einen Gottesdienst nach reformiertem Bekenntnis abzuhalten). Weiach wird in Stricklers Regeste nur indirekt genannt: «Hüntwangen, Wasterkingen, etc.». Das reicht Wind aus, um anzunehmen, es gehe auch um Weiach.

Aber offenbar wurde kein Weiacher wegen Nichtbezahlung der Steuern verklagt, sonst hätte Strickler dies wohl auch ins Regest aufgenommen.

Kaiserstuhl kurzzeitig auch reformiert

Bibliander war für Weiach just zu der Zeit zuständig, in welcher Kaiserstuhl bewegte Tage erlebte und der «neugläubige» Priester Matthias Bollinger in seiner Pfarrei darüber abstimmen liess, ob man zum reformierten Bekenntnis wechseln wolle. Und das mit Erfolg, denn vom März 1531 bis zum katholischen Sieg in Kappel am 11. Oktober 1531 war Kaiserstuhl reformiert und wurde erst nach der Flucht Bollingers wieder katholisch - wann genau ist nicht klar (vgl. Wind, a.a.O., S. 19-20). Gemäss Franziska Wenzinger-Plüss war die reformierte Phase allerdings früher: «1530 bestand vorübergehend eine ref. Mehrheit» (vgl. Artikel Kaiserstuhl im Historischen Lexikon der Schweiz).

Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass Zürich ab Herbst 1531 zwecks Eindämmung der Rekatholisierung noch vermehrt darauf geachtet haben dürfte, dass die reformierten Weyacher seelsorgerlich betreut wurden - auch wenn dies in den Akten offenbar keinen Niederschlag gefunden hat und insbesondere keine Pfarrer genannt sind.

Man kann also nach wie vor keine genaueren Angaben machen. Zwischen 1520 und 1540 scheint aufgrund der mir vorliegenden Quellen alles möglich.

Auch die Zeit vor 1532 - denn aus der Tatsache, dass die Weiacher noch die Kirchenabgaben bezahlten lässt sich nicht ableiten, dass sie sich noch mehrheitlich zur alten Pfarrei zugehörig fühlten. Schliesslich wurde der Kirchenzehnten auch noch Jahrhunderte später entrichtet, als Reformiertsein in Weyach längst zur Bürgerpflicht geworden war.

Quellen

  • Strickler, Johannes (Hrsg.): Actensammlung zur schweizerischen Reformationsgeschichte in den Jahren 1521-1532 im Anschluss an die gleichzeitigen eidgenössischen Abschiede. Zürich, 1878-1884. Nachdruck Theologische Buchhandlung, Zürich 1989. Umfang: 5 Bd. (1 : 1521-1528 -- 2 : 1529 und 1530 -- 3 : 1531, Jan. bis 11. Oct. -- 4 : 1531, Oct. 11 - 1532, Dec. -- 5 : Nachträge 1522-1533, Register, Literatur-Verzeichnis zur schweiz. Reformationsgeschichte enthaltend die zeitgenössische Literatur 1521-1532)
  • Wind, Siegfried: Zur Geschichte der katholischen Pfarrei Kaiserstuhl im Aargau. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, Vol.34 (1940), 14-26. (Weiach: S. 18) http://dx.doi.org/10.5169/seals-125540 [Zur Glaubensgemeinschaft des Autors P. Siegfried Wind O. M. Cap., vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/OFMCap]

Sonntag, 2. Januar 2011

Bärchtelen in der «Linde»

Am Bärchtelistag (auch Bächtelistag), dem 2. Januar, finden in vielen Gemeinden traditionell fröhliche Zusammenkünfte statt. So auch vor 50 Jahren in Weiach, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1961 unter der Rubrik «Volkskundliches/Kulturelles» erwähnt:

«Ausser dem weiter vorn erwähnten kulturellen Schaffen der Ortsvereine, fanden im Dorf statt:

2. Jan.: "Bärchtelen" des Männerchores, diesmal in der letztes Jahr renovierten Gaststube "z. Linde".
»

An diesem Tag wurden früher oft die Überschüsse des Vorjahres «verbächtelt», d.h. in Speis und Trank umgewandelt. Wenn es sich dabei um öffentliche Gelder handelte, dann hatten die Obrigkeiten gar keine Freude an diesem Brauch. Solange die Anlässe mit privaten Mitteln und im normalen Rahmen abgehalten wurden, werden sie aber wohl keinen Grund zum Eingreifen gefunden haben.

Interessant am Berchtoldstag vor 50 Jahren: das traditionelle Bächtelistreffen fand also im Gasthof zum Sternen statt - zumindest was den Anlass des Männerchors betraf.

Quelle und frühere Artikel
[Veröffentlicht am 17. Januar 2011]