Montag, 29. Februar 2016

Februarwetter 1966: der Müliweiher überläuft

Zum Zeitpunkt der Niederschrift der Jahreschronik 1966 (d.h. im Sommer 1967) war deren Verfasser Walter Zollinger bereits seit über 5 Jahren pensioniert. Als seit 1919 in der Funktion des Dorfschullehrers mit dem täglichen Leben eng Verbundener ist ihm natürlich auch die Weltsicht der damals noch zahlreichen Landwirte immer vor Augen gestanden. Und so überrascht es nicht, wenn die nach Monaten geordneten Darstellungen über Witterung und Wetter auch immer wieder landwirtschaftliche Bezüge bis hin zu Bauernregeln enthalten. So auch in diesem Abschnitt zum Wetter vor 50 Jahren:

«Februar:
"Scheint an Lichtmess die Sonne heiss,
so kommt noch recht viel Schnee & Eis."

Im Gegensatz zu obigem Drohverslein brachten die ersten Februartage Nebel, Bewölkung und sogar leichten Niederschlag, sodass also nicht mehr zu "viel Schnee und Eis" kommen sollte. Ab dem 4.2. meist am späten Vormittag oder an Nachmittagen leicht sonnig. Dies aber nur während weniger Tage. Am 8. und 9.2. herrscht stürmischer Wind mit scheusslichem Regenwetter. "Der Mühleweiher überläuft, sodass ein richtiger Bach die Mühlewiese herab und über die Landstrasse fliesst und es bei jedem durchfahrenden Auto hochauf spritzt. Der Bach hinter der Mühle und den Oberdorfhäusern rauscht ebenfalls mächtig dahin." Die nächste Zeit bis zum 24. Februar bringt wechselvolles Wetter; bald etwas aufhellend zu kurzen, angenehmen Nachmittagsstunden, bald wieder Hochnebel, wolkig, bedeckt und gar leicht regnerisch, auch hie und da etwas Wind. Es ist nie richtig kalt, fast immer nahe bei 0°. Erst der 25.2. bringt einen Morgenreif, nachher aber auch eine angenehm milden Vor- und Nachmittag, der 27.2. nach Morgennebel einen sehr schönen, warmen Nachmittag: "ein richtiger Frühlingstag", steht in meinem Tagebuch, "Schneeglöcklein, Totenblümchen und Gartenprimeli blühen bereits."

Höchsttemperaturen morgens +9°, mittags +11°, abends +10°
Tiefsttemperaturen morgens -4°, mittags +2°, abends -1 1/2°.
»

Alles in allem also ein ziemlich milder Horner, den die Weiacherinnen und Weiacher da vor einem halben Jahrhundert erleben durften.

Eindeutige geistige Verortung

Aus obiger Beschreibung ersieht man übrigens unschwer, wo der Chronist sich geistig verortet hat. Nämlich vis-à-vis des heutigen Ortsmuseums an seinem physischen Lebensmittelpunkt in der Liegenschaft Müliweg 4 (an dem Punkt, wo die Stadlerstrasse in die lange Gerade bis zum VOLG hinunter übergeht). Von dort aus gesehen verläuft das (heute «Mülibach» genannte) Bächlein nämlich hinter der Mühle. Ab da wird dieser Bach unter den Boden verbannt - und erst nach der Vereinigung mit dem Sagibach und ennet der Hauptstrasse Nr. 7 (westlich des Aussiedler-Hofes Im Eschter) wieder freigelassen.

Von welchem Weiher ist die Rede?

Der Beschreibung des überlaufenden Mühleweihers kann man entnehmen, dass es sich bei dem Mühleweiher, den Zollinger in seinem Chronikeintrag meint, nicht um den handelt, der heute gemeinhin mit diesem Namen bezeichnet wird (auf dem untenstehenden Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung rechts im Bild). Mit dem überlaufenden Weiher kann nur der südwestlich der Stadlerstrasse gelegene, gemäss regierungsrätlicher Bewilligung von 1861 erstellte kleine Weiher (links im Bild; 409 m ü M) gemeint sein.

Dessen Zuleitung verlief früher unter der Stadlerstrasse hindurch und dann noch zu Zeiten des Chronisten Zollinger (vgl. Landeskarten) in einem offenen Kanal. Der Wasserspiegel des Weihers beim Bifig (414 m ü M) und der Verlauf des Mülibachs liegen jeweils deutlich unter dem Strassenniveau. Entweder ist das Wasser also auf der Höhe des heutigen Müliwis-Hofes auf die Strasse geflossen oder (was aufgrund der Schilderung Zollingers wahrscheinlicher ist) über den Überlauf des Weihers in nördlicher Richtung, dort wo heute die neue Bushaltestelle liegt.



Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 2-3. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 28. April 2016]

Sonntag, 28. Februar 2016

Nationalkonservatives Bollwerk im Nordwesten

Bachs, Stadel, Weiach. Die drei nördlichsten Gemeinden des Bezirks Dielsdorf haben sich am heutigen Abstimmungssonntag erneut als Bollwerk nationalkonservativer Grundhaltungen erwiesen.

Durchsetzungsinitiative

Dem Stahlgewitter an Informationen, hochemotionalisierten Meinungen und Propaganda gegen die sogenannte «Durchsetzungsinitiative» (DSI), das in den letzten zwei Monaten über alle medialen Kanäle auf die Stimmberechtigten herniederprasselte zum Trotz: die Weiacher haben mit 62.3% Ja zur DSI gesagt (348 Ja zu 211 Nein).

In dieser Deutlichkeit ist das Resultat auf kommunaler Ebene auch im Zürcher Unterland erstaunlich, wie man auf der Website des Statistischen Amts des Kantons Zürich sehen kann. Bachs, Stadel und Weiach stechen bei dieser Darstellung richtiggehend heraus (Stand um 13:07 MEZ):



Nachtrag: Um 15 Uhr waren auch die Bülacher Stimmzettel ausgezählt. Der Bezirkshauptort ist gleich gefärbt wie Eglisau (rund 40 % der Stimmenden befürworten dort die DSI).

Vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung

Mit über 61% ist die Stimmbeteiligung in Weiach zwar nicht gar so hoch wie vor den Toren der Stadt Zürich in Uitikon (mit fast 80%) oder im Weinländer Truttikon (über 82%). Aber auch das liegt im Rahmen des langjährigen Erfahrungsbereichs. Weiach hat traditionell eine vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung. Und an dieser Stimmabstinenz-Tendenz scheinen auch die in den letzten beiden Jahren neu Zugezogenen nicht viel zu ändern.

Stadt-Land-Graben wird sichtbar

Dass der Stadt-Land-Gegensatz auch in u‪nserer nächster Umgebung offen zutage tritt, sieht man beim Blick über die Grenze: Im Städtchen Kaiserstuhl liegen die Verhältnisse fast genau umgekehrt. Dort wurde die DSI mit 112 gegen 52 Stimmen bachab geschickt: 31.7% Ja. Wenig mehr Ja-Stimmen finden sich auch im ebenso kleinen Städtchen Regensberg: 36.4%.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Initiative «Für Ehe und Familie», wo es um die sogenannte «Heiratsstrafe» ging: Regensberg 39.3% Ja, Kaiserstuhl 47.1 % Ja, Weiach 56.7% Ja. Auch hier verläuft ein Graben zwischen konservativem Gedankengut (der Initiativtext hätte die Ehe auf Verfassungsstufe als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert) und eher progressiven Strömungen, die  eine unabhängig vom Zivilstand vorgenommene Individualbesteuerung anstreben.